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Elemente der TüLab-Philosophie
Dieser Text von Martin Flüeler wurde 2003 verfasst, als das Labor 2 Jahre alt war.

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Im folgenden führe ich einige Aspekte und Visionen zum TüLab aus. Diese„Tüftel-Philosophie-Pädagogik“ nimmt - neben originären Aspekten und unbewusten Einflüssen - Anleihen bei der Montessori-Pädagogik, der Antroposophie, bei Hartmut von Hentig, der modernen Intelligenz-Forschung u.a.m.
1. Tüftel-Schaffenshaltung (Tüftli-Profil)

Das kulturelle Hauptanliegen des TüLab ist das Tüfteln. Mit „Tüfteln“ umschreibe ich eine besondere Art des tiefen Sich-Einlassens auf eine Sache, etwa so charakterisiert:

  • als aktive, real-physische Auseinandersetzung mit Gestaltungs-, Erfahrungs- bzw. Erkenntnis-Absichten aus Eigeninteresse.
    (in Abgrenzung zu überwiegend medialen, simulatorischen, immateriellen, konsumatorischen, verordneten oder geführten Betätigungsformen.)

  • als fortgesetzt-intensives, individuell-zentriertes, leidenschaftlich-sich-forderndes Tun,
    (in Abgrenzung zu episodischen, umherschweifenden, mode-motivierten, gruppennivellierten, moderierten Betätigungsformen.)
  • als integrale, kopfherzhändige Gestaltung: ästhetische und funktionale, rationale und mythische Aspekte bleiben verbunden. Pröbelnde, spielerische und übende Zugänge stehen gleichberechtigt und befruchtend neben recherchierenden, planenden, konstruierenden Arbeitsweisen.
    (in Abgrenzung zu strikte arbeits-, sparten- und methodenteiligen Kunst-, Produktions- und Lernformen.)
Eine solche Schaffenshaltung kann sich thematisch auf jede Kultursparte beziehen. Nur aus persönlicher Neigung und praktischen Gründen widme ich das TüLab primär dem „Tüftlen mit Material und Werkzeug in einer Werkstatt“
2. Tüftel-Pädagogik (Betreuungs-Profil)
Als pädagogische Grundeinstellungen zur Förderung dieser Tüftel-Schaffenhaltung postuliere ich:
  • Freiwilligkeit, Freiraum, Zeitautonomie sind unabdingbar.
    (...mit allen Konsequenzen für Infrastruktur, Organisation und Problemlösung. Tüfteln ist eine kreative, unternehmerische Handlung und benötigt entsprechende Freiheiten.)

  • Weg und Resultat bedingen einander. Selber-Machen kommt vor Perfektion. Unerwartete Ergebnisse („Fehler“) sind Lernchance und Inspiration. Wille zu - wie auch immer definierter - Qualität entspringt der Freiwilligkeit und Selbstmotivation
    (in Abgrenzung zu einseitig produktorientierten, traditionellen, perfektionistischen Auffassungen.)

  • Neuartiges (persönlich oder absolut), Authentisches, Kühnes, Einmaliges, Grenzensprengendes hat besonderen Reiz. Bewährtes gibt Fundament und Ausgangspunkt dazu. Wiederentdecktes Altes birgt verschüttete Schätze.
    (Das Originäre wie das Anachronistische hat oft Gegenwind und Hürden zu überwinden. Es verdient besondere Ermutigung und Würdigung.)
  • einen eher mutigen Kompromiss zwischen Sicherheitsbedürfnis und Erfahrungschancen. Sie setzt auf Mitdenken und Eigenverantwortung.
    (vor Gefahren also Respekt, Kenntnisse und ein gutes Verhältnis zum Schutzengel anstelle von Ängstlichkeit, Verboten und Worst-Case-Orientiertheit)

  • Respektvoll-zurückhaltende, bei Bedarf auch kundig-anteilnehmende Begleitung gewährt den Tüftlis Hilfestellung nach Mass beim Selber-Tun - durch alle Phasen ihres Projekts.
    (...also von der Ideenkondensierung über alle Schritte der Umsetzung bis zur Schlussbegutachtung oder Formulierung des Nachfolge-Projekts, stets aber so, dass Entscheidungen und Taten beim Tüftli bleiben.)

Eine solche Pädagogik will bewusst den Bedürfnissen der besonders eigenständigen, einfallsreichen, pfiffigen Jugendlichen und Kindern gerecht werden - nicht allen Kids, auch nicht dem Durchschnitt oder der Mehrheit (wenngleich diese Postulate, angewandt in angepasster Form, in anderem Kontext, mit anderen Mitteln, durchaus eine breitere Gruppe von Jugendlichen stärken und wecken könnten).
3. Das Tüftel-Labor (Umgebungs-Profil)
Das Tüftel-Labor will den Jugendlichen und Kindern eine zum Tüfteln geeignete Umgebung zur Verfügung stellen, die den aktuellen Lebensformen Rechnung
Im Sinne einer Arbeithypothese orientiert es sich an diesen Qualitäten:
  • eine anregende Infrastruktur:
    möglichst viel offen, mit möglichst freiem Zugriff, möglichst vielfältig, universell, anpassungsfähig, konzipiert als Nebeneinander von Kreativ-Chaotisch-"Zufälligem" und Standardisiert-Effizient-Wohlgeordnetem.
    (Akzente gemäss den Spezial-Kenntnissen / Vorlieben der jeweiligen TüLab-BetreiberInnen und BenutzerInnen ergänzen sich dank Vernetzung mit anderen Orten zur Erweiterung der Möglichkeiten.)

  • in einem sozialen Kontext:
    Tüfteln selbstbestimmt, aber nicht einsam. Neben- und miteinander tüftlende Alterstufen (und ev. Generationen) befruchten sich im kooperativen Umgang miteinander.
    (Kids beflügeln sich gegenseitig. Kids inspirieren Erwachsene/Ältere mit ihren ungefilterten Einfällen.
    Von gereiften Menschen lernen Kids, was immer sie aus deren Fundus an Tradition und Erfahrungsschatz sich aneignen möchten. Adhoc-Projekt-Partnerschaften entstehen.)
  • lebbare ethische Leitlinien:
    Achtung des Lebendigen, Chancengleichheit, ökologische Bewusstheit und ökonomische Sparsamkeit, Regeln mit Ausnahmen, Konflikt-Kultur, alle und alles verändert sich, ist im Fluss
    (...jedoch: Sparsamkeit heisst nicht Geiz, Chancengleichheit nicht Nivellierung, Ausnahmen vereinfachen die Regeln und auch Flüsse haben Charakter und Richtung.)

Das TüLab vereinigt Aspekte eines Haushalts, einer Schule, eines Gemeinschaftsateliers, eines Betriebs, eines Büros, einer Ausstellung, eines Gemeinschaftszentrums, einer Universität, eines Robinson-Spielplatzes... Dieser integrale Gesamtkunstwerks-Charakter scheint mir sinnvoll und wünschenswert, auch wenn er äussere Einordung und Abgrenzung kompliziert.
Ausblicke
Das TüLab und seine Philosophie befinden sich in fortwährender Erschaffung, müssen selbst ertüftelt werden, brauchen Interpretationsspielraum. Insofern ist alles, was hier aufgeführt wird, Momentaufnahme und Absichtserklärung.

Damit ich persönlich der TüLab-Arbeit treubleiben und volle Energie geben kann brauche ich (nach gegenwärtiger Selbsteinschätzung) etwa diese Perspektiven:
  • Vom TüLab aus will ich „Tüftel-Qualitäten“ an andere Orte bzw. in die öffentlichen Wahrnehmung tragen.
    (...in andere Kantone, Länder, in die Schulen, Freizeit-Einrichtungen, Familien, Medien...)

  • Das TüLab kann eine Forschungsstätte werden zur Förderung und Erneuerung der Kultur der handwerklichen Einzelanfertigung auch auf hohem Niveau.
    (...mit KnowHow-Vernetzung, Entwicklung angepasster Verfahren, Werkzeugen und Tricks, Erprobung und Verfügbarmachung geeigneter Materialien fördert das TüLab: Massgeschneidertes, Prototyp-Entwicklung, Objekt-Kunst, Behinderten-Hilfen, Spezial-Effekt-Requisiten, Versuchsaufbauten, Demonstrationsmodelle...)

  • Das TüLab kann ein weiterer Keim der „OpenSource“-Bewegung werden und unter diesen Vorzeichen auch meinen persönlich motivierten Forschungen Raum bieten.
    („OpenSource“: Kulturproduzierende stellen ihr Wissen und Können gegenleistungs-unabhängig zur Verfügung - und beanspruchen dafür, als gemeinnützige und nichtkommerzielle Person zu gelten.)
Zusammenfassung
Die TüLab-Initiative entspringt einer pädagogischen Grundhaltung, die das „innenmotivierte, integrale Lernen in echt“ ins Zentrum rückt.
Eine Art Werbe-Gedicht fasst die wesentlichen Elemente zusammen:

Tüfteln ist Denken mit allen Sinnen und Gliedern

...ist Weltaneignung konzentriert.
Tüfteln verbindet Geist mit Material.
funktional und ästhetisch, dynamisch und räumlich, klingend und farbig, hart-weich-fluid, heiss und kalt, spontan-geplant
allein und sozial.
-- immer “in echt”, Tüfteln sucht Qualität total.

Jugend-Tüfteln ist Selbst-Forderung,
Antrieb die eigene Idee,
Prüfstein die Wirklichkeit.
– es kann nur freiwillig geschehen.

Jugend-Tüfteln wirkt.
Wirtschaftlich zukunftsichtig auffrischend.
Sozial-familiär chancen-erweiternd
Kulturell grenz-überhüpfend ergötzlich
Individuell lustvoll stärken-verknüpfend
-- wird Tüftlen pädagogisch noch unterschätzt?

Jugend-Tüfteln braucht einen Schub.
Braucht gewidmeten Raum,
Tat-ermunternde Ausrüstung,
Beflügelnde Gesellschaft,
Kundige Begleitung, kurz:

Das Tüftel-Labor.

 



Martin Flüeler
im Einvernehmen mit dem Stiftungsrat, Zürich, im September 2003